Lieder von Liebe und Schmerz

  Volker Bengl und Frank Oidtmann interpretieren eindrucksvoll Franz Schuberts „Winterreise“

   Von Hans-Günther Driess

NÜRTINGEN. Das Thema der „Winterreise“ ist in heutiger Zeit aktueller denn je: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“. Ein Fremdling, ein Mensch ohne Heimat, wandert singend durch düstere und fahle Winterlandschaften. Er fühlt sich ausgestoßen und angefeindet, er kommuniziert nicht mit Menschen, sondern mit der Natur, bellenden Hunden und am Ende mit einem Leiermann, der den Tod symbolisiert. In den 24 Liedern spiegelt Franz Schubert sein eigenes Schicksal als unglücklich Verliebter, seine Einsamkeit und Todessehnsucht wider. Im Herbst 1827, ein Jahr vor seinem Tod, vollendete der schwerkranke Komponist diesen Liederzyklus nach Texten von Wilhelm Müller. Es ist Nacht, es ist Winter – zumindest im Herzen des Wanderers. Nachdem ihn seine Geliebte verlassen hat, gibt es nichts, was ihn noch zurückhält. Nachts bricht er auf, eilt aus der Stadt, will alles hinter sich lassen. Doch es fällt ihm nicht leicht: Immer wieder blickt er zurück und schwelgt in süßer Erinnerung an glücklichere Tage. In der winterlichen Landschaft sieht er Abbilder seiner eigenen inneren Erstarrtheit.

Volker Bengl gelingt es am Sonntag in der vollbesetzten Kreuzkirche, die Facetten dieser Komposition auf vielfältige Weise auszuloten. Das Nachforschen nach Nuancen, das Durchdringen von Stimmungen und Farben, das Zusammenspiel von Sinn und Sinnlichkeit sind beeindruckend. Der Sänger schenkt dem Gehalt des Texts Aufmerksamkeit und sorgt mit vorbildlicher Artikulation für eine gute Textverständlichkeit. Er singt teils in der originalen Tenorlage und teils in der Fassung für mittlere Singstimme. Manchen klangfarblich interessanten Effekt hat Bengl parat, wenn er für die tiefen Lagen ins Brustregister wechselt. Die tiefen Töne sind jedoch im Verhältnis zum Klavier schwer zu hören, während die Intonation in der hohen Lage gelegentlich unsauber ist oder mit Forcierung korrigiert wird. Frank Oidtmann besticht als hervorragender, sehr exakt und einfühlsam spielender Pianist.

Er ist nicht nur Begleiter, vielmehr hellwach mitgestaltender Musiker, der jedem Detail des Textes nachspürt. Der dankbare Klavierpart gibt ihm viel Raum zu dynamischer Differenzierung, Agogik und Kreativität. In den Noten finden sich nur wenige Vortragsbezeichnungen, sodass die Interpreten frei sind in ihren Entscheidungen. Die Klaviervorspiele der Lieder sind musikalische Poesie. Sie machen den Hörer schon mit der Stimmung des jeweiligen Textgehalts vertraut und bieten eine Fülle von tonmalerischen Elementen. So markiert das Klavier im ersten Lied „Gute Nacht“ mit monotonen Akkordwiederholungen den schleppenden Wanderschritt des lyrischen Ich. Das zweite Lied „Die Wetterfahne“ ist geprägt durch extreme unnachgiebige Gefühlskontraste. Der Protagonist hastet am Hause seines immer noch geliebten Mädchens vorbei. Seine innere Aufgewühltheit entspricht dem stürmischen Wetter. Wild auf und ab rasende Läufe stellen die im Wind flatternde Wetterfahne dar. Auch in „Gefrorene Tränen“ und „Erstarrung“ unterstreichen die Interpreten mit Tonmalerei den Textgehalt. Die unregelmäßig hingeworfenen Akkorde im Klavier machen deutlich, dass der Wanderer ins Schwanken gerät und Bengl führt das Schmelzen des Eises mit Dramatik plastisch vor Augen beziehungsweise Ohren.

Großartig gelingt den Musikern auch der Eindruck, die Tränen tropften von der Wange herab, ehe die Schritte des Wanderers mit einem Accelerando, einer allmählichen Tempozunahme, ins Rennen übergehen. Beim Lied „Im Dorfe“ lässt Schubert das Bellen der Hunde, die den Wanderer anfeinden, in tiefen Trillern im Klavier ertönen. „Der Lindenbaum“ mit der berühmten Zeile „Am Brunnen vor dem Tore“ gilt als Inbegriff deutscher Romantik und Heimatliebe. Ein Klangteppich aus flirrenden Sechzehntel-Triolen verdeutlicht das Säuseln der Blätter. Die Erinnerung an die einst blühende Liebe wird schnell weggeblasen mit dem aufkommenden Sturm: „Der Hut flog mir vom Kopfe“. Ein weiteres fröhliches Lied ist „Frühlingstraum“. Bengl singt mit schön timbriertem Tenor wie der Wanderer vom Mai träumt, der vergangenen Zeit, als noch alles gut war: Von „bunten Blumen, grünen Wiesen, lustigen Vögeln“. Da wird er von Hahnengeschrei geweckt und findet sich in der kalten, finsteren ungeliebten Realität wieder. Eine seltsame Übernachtungsmöglichkeit sucht sich der Wanderer im Lied „Das Wirtshaus“. Sein Wirtshaus ist ein Totenacker, auf dem Friedhof kauert er nieder. Die weihevollen akkordischen Klänge des Klaviers erinnern an einen Choral bei einem Begräbnis. „Der Leiermann“ ist als Allegorie des Todes aufzufassen. Die karge Klavierbegleitung mit hohlen Bordun-Quinten und die monoton wirkende dürftige Melodie der Singstimme deuten das Ende an: „Wunderlicher Alter, willst Du mit mir gehen?“ Franz Schubert hat seinen nahen Tod im Jahr 1828 vorausgeahnt und in der „Winterreise“ quasi vorweggenommen. Die Parallele zu Mozart sei erwähnt, der in seinem letzten Lebensjahr 1791 sein Requiem komponierte. Ein gelungener Liederabend in Nürtingen mit zwei renommierten Künstlern.

                                                                                                               Quellennachweis: Nürtinger Zeitung

 

 

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